Lange nicht mehr gebloggt. Jetzt wäre es mal wieder an der Zeit. Horst Köhler hat sein Amt sichtlich überfordert hingeschmissen und sich mit sofortiger Wirkung aus dem Staub gemacht. Ein ebenso unglaublicher wie unwürdiger Vorgang, wenn man mich frägt. Niemand hat Köhler gezwungen ein zweites Mal zu kandidieren, die meisten Vorgänger sind nach einer Amtsperiode ausgeschieden. Bundespräsidenten, die sich ins Tagesgeschäft einmischen, müssen damit leben, dass in diesem auch Gegenstimmen gibt. Köhler hat Monate zur Finanzkrise geschwiegen und die Chance verpasst, hier der Gesellschaft einen neuen Weg für die Zukunft aufzuzeigen. Stattdessen soll er cholerisch und launisch die letzten Getreuen in Bellevue vergrault haben. Und dennoch: Die öffentliche Suche nach einem Nachfolger hat auch Angela Merkel beschädigt.
Tagelang war Ursula von der Leyen die Köhler-Nachfolgerin. Auch Merkel wird das gesehen haben. Unternommen hat sie nichts dagegen. Dass es dennoch ein anderer wurde zeigt, wie schwach sie gegenüber den Landesfürsten der Union geworden ist. Natürlich hat ein Kandidat Wulff auch Vorteile für sie. Ihr letzter einflussreicher Stellvertreter ist nun abgestellt, die beliebte Ministerin von der Leyen bleibt ihr in Berlin erhalten. Dennoch. Merkel ist immer offensichtlicher eine Getriebe, die nur noch ihre Machtoptionen zu sichern versucht. Die Regierung verspricht seit 9 Monaten den Neustart. Dabei ist sie nie angesprungen. Wie will die Kanzlerin in den nächsten 39 Monaten regieren?
Die Entscheidung für Wulff ist ebenso bequem wie feige. Wulff ist immer nett, hat im Gegensatz zu anderen nie den Koalitionspartner abgedrängt. Wulff wird der erste Bundesschwiegersohn. Gebraucht hätten wir eine Schwiegermutter. Einen distanzierten Mahner, der selbstbewusst die eigene Meinung vertreten kann. Der sich dennoch nicht populistisch ins Tagesgeschäft einmischt. Das alles ist Wulff nicht. Er wird 5 Jahre brav den bürgerlichen Grüßonkel geben und vielleicht eine gut geschriebene Ruck-Rede der 10er-Jahre vorlesen. Mehr nicht. Wulff ist ein Produkt des aktuellen Zeitgeistes und nur solange am Leben wie dieser. Sobald sich die Bundesratsmehrheit oder die Gesellschaftsmeinung ändert, wird auch er Probleme haben. Durch die Fixierung aufs Tagesgeschäft haben es die Regierungsparteien verpasst, dem Amt eine neue Bedeutung zu geben.
Fast wäre das im linken Lager ähnlich gewesen. Eine erneute Kandidatur Gesine Schwans wäre nicht nur peinlich, sondern vorallem kleinlich erschienen. Das linke Lager hat nun mal keine Mehrheit in der Bundesversammlung. Doch mit der Kandidatur von Joachim Gauck ist gerade das ein Vorteil geworden. Union und FDP müssen nun begründen, warum sie den integeren Bürgerrechtler plötzlich nicht als überparteiliches Staatsoberhaupt unterstützen wollen. Gaucks Kandidatur ist ein realitisches Angebot an die Öffentlichkeit, weil es ein unrealistisches für die Politiker ist. Schon allein die Fähigkeit frei, aber vorallem unfallfrei zu reden, ist eine wohltuende Überraschung. Wulff ist ein gemachter Mann. Im wahrsten Sinne des Wortes. Gauck ist eine gewachsene Persönlichkeit. Bei seiner Vorstellung spannt er den Bogen von seiner Geburt während der Nazi-Diktatur über den Alltag als Pfarrer in der DDR bis zu seiner Rolle in der Bürgerbewegung und bei der Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit. Er wird wohl nie Bundespräsident werden, vielleicht ist er auch zu alt für das Amt. Doch ist das ein Argument? Selbst mit Sparkassendirektoren kann man heute nicht mehr sicher planen. Gauck hätte eine Chance verdient!